24. Oktober
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19. April 2026
"Als das Kind Kind war, war es die Zeit der folgenden Fragen: Warum bin ich ich und warum nicht du? Warum bin ich hier und warum nicht dort? Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?" (Wim Wenders/Peter Handke: 'Der Himmel über Berlin')
Die Berliner Ausstellung "ORIGINS – Life's Epic Journey" in den Reinbeckhallen entführt Besucherinnen und Besucher auf eine multimediale Reise, die den Ursprung des Lebens thematisiert. Die Schau, die sich selbst als "immersive Ausstellung" beschreibt, nutzt modernste Technologie, um die Entstehung des Universums und die Entwicklung des Lebens auf der Erde erfahrbar zu machen. In einer Mischung aus Kunst, Wissenschaft und Technologie werden komplexe naturwissenschaftliche Zusammenhänge visuell beeindruckend aufbereitet. Besucher sehen raumgreifende Projektionen, Licht- und Klanginstallationen, die sie in die Tiefen des Weltraums und der Ozeane eintauchen lassen.
Die Hintergründe der Ausstellung liegen in der Zusammenarbeit verschiedener Partner, darunter die Stiftung Planetarium Berlin und das Kunstkraftwerk Leipzig, die gemeinsam dieses fesselnde Erlebnis realisiert haben. Ziel ist es, Wissen über die Ursprünge der Existenz auf eine neue, zugängliche Weise zu vermitteln und das Staunen über die Wunder der Natur und des Kosmos zu wecken. Die Ausstellung richtet sich an ein breites Publikum, von Astronomie-Begeisterten bis hin zu Familien, und bietet eine alternative Form der Wissensvermittlung jenseits traditioneller naturwissenschaftlicher Museen.
Ein zentrales Element der Ausstellung ist die Verbindung von wissenschaftlicher Information und künstlerischer Darstellung. Überall in den Räumlichkeiten finden sich Infotafeln, die das Gesehene erklären und in einen größeren Kontext stellen. Gemäß einem Zitat aus dem Ausstellungstext, das die Faszination für das Thema unterstreicht: "Wie hat das alles eigentlich angefangen? Die multimediale Ausstellung „ORIGINS – Life's Epic Journey“ macht erlebbar, wie Kunst, Wissenschaft und Technologie die Entstehung des Lebens sichtbar machen können". Dieser Ansatz ermöglicht es, die abstrakte Thematik greifbar zu machen und eine emotionale Verbindung zu den dargestellten Inhalten herzustellen. Die Ausstellung war bereits letztes Jahr im Kunstkraftwerk Leipzig mit großem Erfolg zu sehen, in Berlin läuft sie noch bis zum 19. April...
Bereits das berühmte Laborexperiment von Stanley Miller im Jahr 1953 bewies, dass Blitze in einer angenommenen Uratmosphäre aus Methan und Ammoniak Aminosäuren und damit erste Bausteine des Lebens erzeugen können. Heute gilt diese Gasmischung zwar als überholt, doch das grundlegende Prinzip einer chemischen Evolution hin zur biologischen Ebene bleibt das Fundament. Der deutsche Chemienobelpreisträger Manfred Eigen (1927-2019) schuf mit dem Begriff des "Hyperzyklus" ein faszinierendes theoretisches Modell, dass ebenfalls die Brücke von der Chemie zur Biologie beschreiben sollte. Er postulierte damit Netzwerke aus selbstreplizierender RNA, die sich gegenseitig katalysieren und so Information stabilisieren können. Die Panspermie-Hypothese vermutet dagegen den Ursprung des Lebens nicht auf der Erde selbst sondern im Weltall, in dem Meteoriten die ersten organischen Bausteine (wie Nucleobasen) geliefert hätten, gewissermaßen als „Startkapital“ für die gesamte weitere Entwicklung. Die Grundfrage der Entstehung des Lebens würde damit allerdings nur räumlich auf andere Himmelskörper verschoben, die Frage nach den grundlegenden physikalisch-chemisch-biologischen Mechanismen bliebe aber weiterhin offen. Eine weitere einflussreiche Theorie verortet den Ursprung des Lebens in hydrothermalen Quellen in der Tiefsee. In porösen Gesteinen vulkanischer Quellen könnten chemische Gradienten als erste Energiequelle für den Stoffwechsel („Eisen-Schwefel-Welt“) gedient haben. Heute wird außerdem Millers Ansatz durch die „Warm Little Ponds“-Theorie ergänzt: Man glaubt, dass ständige Wechsel von Austrocknung und Benetzung (statt einer statischen Ursuppe) nötig waren, um komplexe Polymere wie RNA zu bilden. Moderne Analysen zeigen zudem, dass Millers chemische Reaktionen in vulkanischen Umgebungen weitaus effizienter ablaufen, als er 1953 nachweisen konnte...
Die Entstehung des Lebens findet sich auch als faszinierendes Thema in der Literatur, genauer gesagt in Thomas Manns großem Schelmenroman 'Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull', erschienen 1954. Während einer nächtlichen Zugfahrt lernt Krull, der sich aber als Marquis de Venosta ausgibt, einen Professor für Paläontologie und Direktor des Naturkundlichen Museums in Lissabon kennen. Im Speisewagen hält der ihm einen großen Vortrag über die tiefsten und letzten naturgeschichtlichen Zusammenhänge und macht ihm u.a. klar, dass es nicht nur eine sondern sogar DREI Urzeugungen gegeben habe:
ES KAM ETWAS HINZU
»(...) O doch, Mensch und Tier, die sind verwandt genug! Wollen wir aber von Abstammung reden, so stammt der Mensch vom Tier ungefähr, wie das Organische aus dem Unorganischen stammt. Es kam etwas hinzu.« »Hinzu? Was, wenn ich fragen darf?« »Ungefähr das, was hinzukam, als aus dem Nichts das Sein entsprang. Haben Sie je von Urzeugung gehört?« »Mir liegt außerordentlich daran, von derselben zu hören.« Er blickte sich flüchtig um und eröffnete mir dann mit einer gewissen Vertraulichkeit – offenbar nur, weil ich es war, der Marquis de Venosta:
»Es hat nicht eine, sondern drei Urzeugungen gegeben: Das Entspringen des Seins aus dem Nichts, die Erweckung des Lebens aus dem Sein und die Geburt des Menschen.« Kuckuck nahm einen Zug Vichy nach dieser Äußerung. Er hielt das Glas dabei in beiden Händen, da wir in einer Kurve schlenkerten. Die Besetzung des Speisewagens hatte sich schon gelichtet. Die Kellner standen meist müßig. Nach einer vernachlässigten Mahlzeit nahm ich jetzt ein übers andere Mal Kaffee, schreibe aber nicht diesem Umstande allein die immer wachsende Aufregung zu, die mich beherrschte. Vorgebeugt saß ich und hörte dem kuriosen Reisegefährten zu, der mir vom Sein sprach, vom Leben, vom Menschen – und vom Nichts, aus dem alles gezeugt sei und in das alles zurückkehren werde.
Ohne Zweifel, sagte er, sei nicht nur das Leben auf Erden eine verhältnismäßig rasch vorübergehende Episode, das Sein sei selbst eine solche – zwischen Nichts und Nichts. Es habe das Sein nicht immer gegeben und werde es nicht immer geben. Es habe einen Anfang gehabt und werde ein Ende haben, mit ihm aber Raum und Zeit, denn die seien nur durch das Sein und durch dieses aneinander gebunden. Raum, sagte er, sei nichts weiter als die Ordnung oder Beziehung materieller Dinge untereinander. Ohne Dinge, die ihn einnähmen, gäbe es keinen Raum und auch keine Zeit, denn Zeit sei nur eine durch das Vorhandensein von Körpern ermöglichte Ordnung von Ereignissen, das Produkt der Bewegung, von Ursache und Wirkung, deren Abfolge der Zeit Richtung verleihe, ohne welche es Zeit nicht gebe. Raum- und Zeitlosigkeit aber, das sei die Bestimmung des Nichts. Dieses sei ausdehnungslos in jedem Sinn, stehende Ewigkeit, und nur vorübergehend sei es unterbrochen worden durch das raumzeitliche Sein.
Mehr Frist, um Äonen mehr, sei dem Sein gegeben als dem Leben; aber einmal, mit Sicherheit, werde es enden, und mit ebensoviel Sicherheit entspreche dem Ende ein Anfang. Wann habe die Zeit, das Geschehen begonnen? Wann sei die erste Zuckung des Seins aus dem Nichts gesprungen kraft eines ›Es werde‹, das mit unweigerlicher Notwendigkeit bereits das ›Es vergehe‹ in sich geschlossen habe? Vielleicht sei das ›Wann‹ des Werdens nicht gar so lange her, das ›Wann‹ des Vergehens nicht gar so lange hin – nur einige Billionen Jahre her und hin vielleicht … Unterdessen feiere das Sein sein tumultuöses Fest in den unermeßlichen Räumen, die sein Werk seien und in denen es Entfernungen bilde, die von eisiger Leere starrten.
Und er sprach mir von dem Riesenschauplatz dieses Festes, dem Weltall, diesem sterblichen Kinde des ewigen Nichts, angefüllt mit materiellen Körpern ohne Zahl, Meteoren, Monden, Kometen, Nebeln, Abermillionen von Sternen, die aufeinander bezogen, zueinander geordnet waren durch die Wirksamkeit ihrer Gravitationsfelder zu Haufen, Wolken, Milchstraßen und Übersystemen von Milchstraßen, deren jede aus Unmengen flammender Sonnen, drehend umlaufender Planeten, Massen verdünnten Gases und kalten Trümmerfeldern von Eisen, Stein und kosmischem Staube bestehe …
Erregt lauschte ich dem, wohl wissend, daß es ein Vorzug war, diese Mitteilungen zu empfangen: ein Vorzug, den ich meiner Vornehmheit verdankte, dem Umstande, daß ich der Marquis de Venosta war und in Rom eine Contessa Centurione zur Tante hatte.
(...)
Aus dem Tierischen sei durch Abstammung, wie man sage, in Wirklichkeit durch ein Hinzukommendes, das sowenig bei Namen zu nennen sei wie das Wesen des Lebens, wie der Ursprung des Seins, der Mensch hervorgegangen. Aber der Punkt, wo er schon Mensch sei und nicht mehr Tier, oder nicht mehr nur Tier, sei schwer zu bestimmen. Der Mensch bewahre das Tierische, wie das Leben das Unorganische in sich bewahre; denn in seinen letzten Bausteinen, den Atomen, gehe es ins Nicht-mehr-, ins Noch-nicht-Organische über. Im Innersten jedoch, dem untersichtigen Atom, verflüchtige die Materie sich ins Immaterielle, nicht mehr Körperliche; denn was dort umtreibe und wovon das Atom ein Überbau sei, das sei fast unter dem Sein, da es keinen bestimmbaren Platz im Raum noch einen nennbaren Betrag von Raum mehr einnehme, wie es einem redlichen Körper gebühre. Aus dem Kaum-schon-Sein sei das Sein gebildet, und es verfließe ins Kaum-noch-Sein. Alle Natur, von ihren frühesten, fast noch immateriellen und ihren einfachsten Formen bis zu den entwickeltsten und höchst lebendigen, sei immer versammelt geblieben und bestehe nebeneinander fort, – Sternnebel, Stein, Wurm und Mensch. Daß viele Tierformen ausgestorben seien, daß es keine fliegenden Echsen und keine Mammuts mehr gebe, hindere nicht, daß neben dem Menschen das gerade schon formbeständige Urtier fortlebe, der Einzeller, das Infusor, die Mikrobe, mit einer Pforte zur Einfuhr und einer zur Ausfuhr an ihrem Zeil-Leib, – mehr brauche es nicht, um Tier zu sein, und um Mensch zu sein, brauche es meistens auch nicht viel mehr.
Das war ein Scherz von Kuckuck, ein kaustischer. Einem jungen Mann von Welt, wie mir, glaubte er wohl etwas kaustischen Scherz schuldig zu sein, und ich lachte denn auch, indem ich mit zitternder Hand meine sechste, nein, wohl meine achte demitasse gezuckerten Mokkas zum Munde führte. Ich habe gesagt und sage es wieder, daß ich außerordentlich erregt war, und zwar durch eine meine Natur fast überspannende Ausdehnung des Gefühls, die das Erzeugnis der Reden meines Tischgenossen über das Sein, das Leben, den Menschen war. Möge es so sonderbar klingen, wie es will, aber diese mächtige Ausdehnung hatte nahe zu tun mit dem, oder eigentlich: sie war nichts anderes als das, was ich als Kind, oder halbes Kind, mit dem Traumwort ›Die große Freude‹ bezeichnet hatte, einer Geheimformel meiner Unschuld, mit der zunächst etwas auf andere Weise nicht nennbares Spezielles bezeichnet werden sollte, der aber von früh an eine berauschende Weitdeutigkeit eigen gewesen war. (...)« ...
Die Ausstellung läuft in den Reinbeckhallen noch bis zum 19. April 2026, Reinbeckstraße 29, 12459 Berlin. Do+So 10-19 Uhr 30 (letzter Einlass), Fr, Sa+Feiertage 10-20 Uhr 30 (letzter Einlass). Dauer eines Rundgangs ca. 90-120 Minuten. Eintritt ab 16 Jahren: 20 Euro, ab 65+ und Studenten bis 27: 16 Euro, Kinder und Jugendliche (6-15 Jahre): 9,60 Euro.